Die Beschäftigung mit Biophilie – der angeborenen Verbundenheit des Menschen zur Natur – öffnet ein größeres Feld, als zunächst erwartet. Wer beginnt, sich intensiver mit den Wirkungen der Natur auf Körper, Geist und Nervensystem auseinanderzusetzen, erkennt schnell: Naturtherapie ist kein einzelner Ansatz, sondern ein vielschichtiges Zusammenspiel unterschiedlicher Elemente und recht umfangreich.
Dieser Beitrag ist Teil des Themenbereichs „Natur, Balance & Biophilie“, in dem ich zeige, wie die Verbindung zur Natur innere Ordnung, Regeneration und seelische Balance fördern kann.
In meinem Buch WOHLFÜHLOGIE sind viele dieser Aspekte bereits beschrieben oder angedeutet. Dieser Blogartikel nutzt die Gelegenheit, das Thema Naturtherapie noch einmal neu zu ordnen, zu vervollständigen und an ausgewählten Stellen zu vertiefen – nicht mit dem Anspruch auf Vollständigkeit, sondern mit dem Ziel, Zusammenhänge sichtbar zu machen.
Naturtherapie entfaltet ihre Wirkung dort besonders kraftvoll, wo der Mensch sich über verschiedene Naturelemente hinweg wieder regulieren kann – körperlich, emotional und seelisch.
Naturtherapie als Zusammenspiel der Elemente
Die Wirkung der Natur auf den Menschen lässt sich nicht auf einen einzelnen Faktor reduzieren. Vielmehr entsteht sie im Zusammenspiel unterschiedlicher Elemente, die jeweils eigene Qualitäten in die Regulation einbringen:
- Pflanzen und Grünräume – Erdung, Lebendigkeit, Beruhigung
- Wasser – emotionale Regulation, Weite, Entlastung
- Temperatur, Wärme, Kälte und Licht – Aktivierung, Anpassung, Rhythmus
- Erde und Körperkontakt – Stabilität, Sicherheit, Halt
- Tiere und Beziehung – Co-Regulation, Resonanz, Vertrauen
- Naturklänge, Stille und Rückzug – Beruhigung, Integration, innere Ordnung
Nicht alle Bereiche müssen gleichzeitig angesprochen werden. Oft reicht bereits ein Element, um Prozesse in Bewegung zu bringen. In ihrer Gesamtheit zeigen sie jedoch, wie umfassend Natur auf das menschliche System wirkt.
Wasser – der Blue-Mind-Effekt
Wasser gehört zu den stärksten regulierenden Elementen der Natur. Der menschliche Körper besteht zu rund 70 Prozent aus Wasser, das Gehirn sogar zu über 80 Prozent. Wasser ist damit nicht nur Umgebung, sondern integraler Bestandteil unseres biologischen Systems.
Der Begriff „Blue Mind“, geprägt vom Meeresbiologen Dr. Wallace J. Nichols, beschreibt einen mentalen Zustand, der durch die Nähe zu Wasser entsteht: ruhig, weit, klar und zugleich fokussiert. Studien zeigen, dass bereits der Anblick von Wasser den Herzschlag verlangsamen, die Atmung vertiefen und Stresshormone reduzieren kann.
Wasser wirkt wie ein natürlicher Reset:
- Aktivierung des parasympathischen Nervensystems
- Senkung des Cortisolspiegels
- Förderung kreativer Denkprozesse
- Vermittlung von Geborgenheit und Verbundenheit
Viele Menschen suchen Wasser intuitiv auf – lange bevor wissenschaftliche Erklärungen existierten. Ob See, Meer, Fluss, Regen oder Badewanne: Der Kontakt mit Wasser unterstützt die seelische Regulation auf leise, oft unbewusste Weise.
Temperatur/Wärme + Kälte und Licht – Regulation durch Kontrast
Neben Wasser gehören auch Temperaturreize zu den ältesten Regulationsmechanismen des Menschen. Wärme nährt, löst und entspannt. Kälte aktiviert, klärt und stärkt. Beide wirken nicht isoliert, sondern im Wechsel.
Kälte war über Jahrtausende kein Feind, sondern ein natürlicher Trainingsreiz für Körper und Nervensystem. Achtsam eingesetzt kann sie Durchblutung, Stressresistenz und mentale Klarheit fördern. Ebenso wirken Wärme und Wasseranwendungen – wie sie etwa Sebastian Kneipp beschrieb – regulierend auf Stoffwechsel, Muskulatur und innere Spannungszustände.
Ein oft unterschätzter Faktor ist dabei das Licht.
Licht ist Leben – im biologischen Sinn. Es steuert zentrale Prozesse:
- Stimmungsregulation (Serotoninbildung, unser Glückshormon)
- Aktivierung des Immunsystems
- Harmonisierung von Nerven- und Hormonsystem
- Regulation von Blutdruck, Schilddrüse und Stoffwechsel
Der menschliche Biorhythmus folgt nicht primär der Uhr, sondern dem Licht. Tageslängen, Jahreszeiten und Sonnenstand beeinflussen Energie, Aktivität und Regeneration somit auch die Schlafqualität. Die Sonne wirkt dabei wie ein stiller Dirigent, der viele Systeme gleichzeitig aufeinander abstimmt.
Erde & Körperkontakt – Earthing
Die Erde ist das ruhigste Element der Natur. Sie trägt, ohne zu fordern.
Earthing, auf Deutsch Erdung, beschreibt den direkten Körperkontakt mit der Erdoberfläche – etwa durch das Barfußgehen auf Gras, Erde, Sand oder Stein. Dabei wird angenommen, dass der menschliche Körper Elektronen von der Erdoberfläche aufnehmen kann, was ausgleichend auf elektrische Spannungen im Körper wirkt.
Die Füße eignen sich dafür besonders: In ihnen enden über 75.000 Nervenenden, die Reize direkt an das Nervensystem weiterleiten. Unglücklicherweise ging uns mit Einführung der modernen Schuhe mit isoliertem Material unsere natürliche Verbindung zur Erde verloren. Gummi und Plastik haben seit den 1960er-Jahren das traditionelle leitfähige Ausgangsmaterial – Leder – abgelöst.
Unabhängig von Erklärungsmodellen ist Erdung vor allem eines: spürbar.
Nicht geerdet zu sein äußert sich häufig als innere Unruhe, Instabilität oder das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Neben der äußeren Erdung existiert auch eine Innere: das Gefühl, in der eigenen Mitte zu sein, verankert und verbunden – unabhängig von äußeren Umständen.
Studien zeigen eine positive gesundheitliche Wirkung der Erdung:
- Besserer Schlaf
- Weniger Schmerzen und Entzündung
- Gestärktes Immunsystem
- Weniger Ängstlichkeit und Stress Linderung von Magen-Darm-Symptomen
- Verbesserte Herz-Kreislauf-Funktion
- Mehr Energie
- Verbesserung der hormonellen Zyklen
- Schnellere Heilung von Sportverletzungen
- Weniger Jetlag
- sicher gibt’s noch einige mehr
Eine beeindruckende Liste – dafür, dass nur der Kontakt mit dem Boden wieder hergestellt werden muss.
♡ Tine-Tipp: Nutze doch mal einen Barfußpfad als Fußreflexzonenmassage.
In vielen Ortschaften (häufig Kurorten) sind Barfußpfade angelegt. Dazu gibt es sogar eine bundesweite Auflistung unter http://www.barfusspark.info
Tiere & Co-Regulation – Beziehung als Naturkraft
Nicht alle Formen der Naturtherapie wirken über Landschaft oder Elemente. Manche wirken über Beziehung.
Tiere leben vollständig im gegenwärtigen Moment. Ihr Nervensystem ist rhythmisch, präsent und frei von langfristigem Alarmmodus.
Wenn wir einem Tier begegnen – besonders in ruhigem, achtsamem Kontakt – passiert etwas sehr Konkretes:
- der Herzschlag verlangsamt sich
- die Atmung wird tiefer
- Stresshormone sinken
- Bindungshormone wie Oxytocin steigen
Nicht, weil wir das wollen.
Sondern weil unser Nervensystem mitschwingt.
Das ist Co-Regulation.
Diese Co-Regulation wird seit vielen Jahren in pädagogischen, therapeutischen und sozialen Kontexten genutzt – etwa in der Arbeit mit Kindern, Kranken, älteren Menschen oder in besonderen sozialen Einrichtungen. Tiere schaffen dort Räume von Sicherheit, Nähe und Vertrauen, wo Worte oft nicht mehr greifen. Sie spiegeln ohne Bewertung.
Auch im Alltag wirkt diese Verbindung: der Hund, der sich ruhig dazulegt, die Katze, die Nähe sucht, das Pferd, das innere Haltung spiegelt. Tiere erinnern daran, dass Regulation nicht immer ein innerer Alleingang sein muss.
➜Tiere holen Menschen aus dem Kopf zurück in den Körper.
Das passt perfekt zu:
- Trauma-Arbeit
- Bindungsthemen
- emotionaler Regulation
Wilderness Therapy & Natur-Retreats – Rückzug statt Reiz
Nicht jede Form der Naturtherapie besteht darin, etwas hinzuzufügen. Manches wirkt gerade dadurch, dass man etwas weglässt.
Wilderness Therapy und naturbasierte Retreats sind keine Wellnessangebote, sondern bewusste Reduktionsräume in der NATUR. Dazu zählen:
- mehrtägige Aufenthalte in der Natur oder Wildnis
- Schweigeretreats im natürlichen Umfeld
- bewusstes Offline-Sein
- einfache, reduzierte Lebensbedingungen
Der therapeutische Effekt entsteht hier nicht durch Programm, sondern durch Reizarmut. Weniger Informationen, weniger Entscheidungen, weniger äußere Rollen.
Viele Menschen erleben dadurch:
- einen Reset des Nervensystems
- eine Neubewertung von Bedürfnissen
- mehr innere Klarheit
- gestärkte Selbstwirksamkeit
Naturtherapie bedeutet hier nicht Aktivität, sondern bewusste Begegnung mit sich selbst.
➜ Weniger Welt – mehr Selbst.
Naturklänge & Sinnestherapie – wenn der Körper früher versteht als der Kopf
Ein oft unterschätzter Wirkfaktor der Naturtherapie sind natürliche Klanglandschaften:
Vogelstimmen, Walgesänge, Blätterrauschen, Regen, Wind oder Wasserbewegungen.
Diese Klänge wirken direkt auf das autonome Nervensystem, insbesondere auf den Vagusnerv unser „Entspannungsnerv“, der sich von oben nach unten durch unseren gesamten Körper zieht.
Die Klangwirkung ist vielfach beschrieben:
- angstlösend
- herzrhythmusregulierend
- beruhigend auf Atem und Muskeltonus
Der Grund liegt in der Evolution: Der menschliche Körper kennt diese Klänge seit Jahrtausenden. Sie signalisieren Sicherheit. Der Körper reagiert oft schneller, als der Verstand es erklären kann – er entspannt, bevor der Kopf versteht.
Naturklänge gehören damit zu den unmittelbarsten und niedrigschwelligsten Formen naturbasierter Regulation. Sie wirken nicht nur draußen – auch über Kopfhörer oder als Aufzeichnung entfalten sie ihre regulierende Kraft, weil das Nervensystem auf die vertrauten Klangmuster als Schwingungsfrequenz reagiert, unabhängig von ihrer Quelle.
♡ Tine- Tipp: So kannst du dir die NATUR direkt auf dein Sofa holen
Stille & Rückzug – Integration
Nicht jede Kraft der Natur ist aktiv. Manche wirkt gerade dadurch, dass sie nichts verlangt.
Stille und Rückzug sind zentrale Integrationsräume der Naturtherapie. Hier ordnet sich, was zuvor angeregt wurde. Wasser beruhigt, Licht belebt, Erde stabilisiert – Stille verbindet.
In der Natur fällt es vielen Menschen leichter, still zu werden. Nicht aus Disziplin, sondern weil die Umgebung weniger Reize setzt. Weite, Rhythmus und Einfachheit entlasten das Nervensystem.
Biophilie zeigt sich hier besonders leise: als Gefühl von Verbundenheit, Sinn und innerem Frieden. Nicht spektakulär, aber tief wirksam.
Naturtherapie als Erinnerung
Naturtherapie ist keine Methode, die erlernt werden muss. Sie ist eine Erinnerung.
Eine Erinnerung daran, dass der menschliche Körper über jahrtausendelange Anpassung gelernt hat, auf Natur zu reagieren. Dass Regulation entsteht, wenn Raum dafür da ist. Und dass Wohlfühlen kein Ziel ist, sondern ein Zustand, der sich einstellt, wenn der Mensch wieder in Beziehung tritt – mit der Natur, mit anderen und mit sich selbst.
Von ♡ zu ♡
Deine Tine Sonnengold
Mögliche Wissensvertiefung im Buch WOHLFÜHLOGIE – Oder (m)eine Wissenschaft des Wohlfühlens:
- Kälte & Hitze Kapitel KÄLTE als Kraftquelle – Mein persönlicher Wandel vom Frostbeullchen zur Powerduscherin
- Abhärtung durch KÄLTE – Die alte Kunst, stark zu werden. Die KRAFT der KÄLTE
- Kapitel WASSER & WÄRME als Heilmittel
- WASSER ist Leben – Sebastian KNEIPP/ Hydrotherapie, Wasseranwendungen
- Schwitzbäder, alte Traditionen und mehr
Schau doch mal rein!
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