Warum unser Gehirn lieber Probleme sammelt

7 Minuten Lesezeit

(und wie wir ihm heute freundlich widersprechen dürfen)

Warum unser Gehirn Probleme sammelt: Ein verständlicher Blick auf Denkmechanismen, Überlastung und Wege zu mehr mentaler Entlastung.

Kennst du das?
Zehn Dinge laufen gut. Eine Sache läuft schief.
Und rate mal, wer abends im Bett neben dir liegt und laut denkt.
Genau. Nicht die neun Erfolge. 

Willkommen im ganz normalen menschlichen Gehirn.
Du bist nicht negativ. Du bist evolutionär korrekt verdrahtet.

Dieser Beitrag ist Teil des Themenbereichs „Mentale Überlastung, Stressmanagement & Reizreduktion“, in dem ich Wege aufzeige, wie Gedanken zur Ruhe kommen, Reize reduziert und innere Klarheit wieder spürbar werden können.

Unser Gehirn: Ein Sicherheitsfanatiker aus der Steinzeit

Unser Gehirn ist ein echtes Wunderwerk.
Es verarbeitet unvorstellbare Datenmengen, steuert Körperfunktionen, Emotionen, Erinnerungen – und hält uns am Leben.

Aber es hat einen kleinen… sagen wir… historischen Tick.

Vor tausenden von Jahren war es überlebenswichtig, ständig zu prüfen:

  • Wo lauert Gefahr?
  • Was könnte schiefgehen?
  • Wer oder was will mir an den Kragen?

Optimisten hatten es damals nicht leicht.
Wer dachte: „Ach, das Rascheln wird schon der Wind sein“,
wurde gern mal Teil der Nahrungskette.

Also lernte das Gehirn eine einfache, aber wirksame Strategie:

Lieber einmal zu viel warnen als einmal zu wenig.

Diese Taktik hat unsere Vorfahren geschützt.
Sie hat Leben gerettet.
Und sie sitzt bis heute tief in unserem Nervensystem.

Das Problem:
Unser Gehirn denkt immer noch, wir würden jeden Morgen in der Savanne aufwachen.

Warum dein Körper schneller reagiert als dein Verstand

Der Fluchtreflex ist uralt.
Er entstand in einer Zeit, in der eine Sekunde Zögern den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten konnte.

Gefahr sehen → reagieren → überleben.

Das lief ohne Denken, direkt über das Nervensystem:

  • Herzschlag hoch
  • Muskeln angespannt
  • Sinne geschärft
  • Fokus verengt

Nicht fragen. Nicht abwägen. Handeln.

Das war genial.
Und ist bis heute in uns aktiv.

Das Problem: Wir leben nicht mehr in der Höhle sondern im Alltag

Heute ist das „Rascheln im Gebüsch“ meist deutlich subtiler, eher eine E-Mail ohne Smiley, ein schiefer Blick, eine unbeantwortete Nachricht, ein Gedanke wie: „Was, wenn das alles nicht klappt?“

Objektiv keine Lebensgefahr.
Subjektiv aber oft Alarmstufe Rot.

Unser Nervensystem reagiert trotzdem reflexartig:
Gefahr! Kontrolle verlieren! Besser wachsam bleiben!

Und zack – der Fokus springt auf:

  • das, was fehlt
  • das, was nicht reicht
  • das, was (noch) nicht geht

Nicht, weil wir pessimistisch sind.
Sondern weil unser Gehirn Sicherheit über Lebensfreude stellt.

Der Negativitätseffekt: 

Warum Negatives stärker wirkt als Positives

In der Psychologie spricht man hier vom Negativity Bias oder Negativitätsdominanz.
Er beschreibt die Tendenz unseres Gehirns, negative Reize stärker wahrzunehmen, intensiver zu verarbeiten und länger zu speichern als positive.

Ein kritischer Kommentar wiegt oft mehr als zehn Komplimente.
Ein Fehler überstrahlt mehrere Erfolge.
Ein Problem bekommt mehr Aufmerksamkeit als viele Lösungen.

Das ist kein Charakterfehler.
Das ist Biologie.

Es braucht also mehr Gutes als Schlechtes, um innerlich im Gleichgewicht zu landen. In der Psychologie wird da von einem Verhältnis 3:1 gesprochen. Studien zeigen:
Ab einem Verhältnis von 3 positiven zu 1 negativer Emotion kippt etwas — wir werden widerstandsfähiger.

Es gibt mittlerweile einen eigenen Forschungszweig: die Psychoneuroimmunologie (PNI). 

Sie will die Mechanismen aufdecken wie bei Abwehr, Nerven und Gehirn kommunizieren. Sehr spannend wie ich finde. Mit diesem Bereich werde ich mich zukünftig noch mehr beschäftigen.

Warum dieses Denken heute nicht mehr sinnvoll ist

Sagen wir es, wie es ist:

Dauerndes Problemdenken macht uns nicht sicher, sondern angespannt, erschöpft und innerlich klein.

Ein dauerhaft aktivierter Negativfokus:

  • erhöht Stresshormone
  • verengt die Wahrnehmung
  • blockiert Kreativität
  • und raubt Energie

Kurz gesagt:
Dieses Denken schützt uns heute nicht mehr – es kostet uns.

Gesundheit. Lebensfreude. Innere Weite.

Kann man dieses Denken verändern?

Ja.
Aber nicht mit Druck.

Unser Gehirn lässt sich nicht anschreien wie ein störrischer Esel.
Es lernt nicht durch Zwang, sondern durch Erfahrung, Wiederholung und Gefühl.

Oder, ganz wohlfühlig formuliert:

Dein Gehirn glaubt nicht, was du denkst – sondern dem, was du regelmäßig erlebst.

Und genau hier beginnt der Raum für Veränderung. Nicht durch Kampf gegen das Denken, sondern durch neue, regulierende Erfahrungen.

Geistige Klarheit entsteht, wenn:

  • Denken wieder rhythmisch wird
  • Reize reduziert werden
  • der Körper Sicherheit signalisiert bekommt

Leben Optimisten wirklich besser als Pessimisten?

Die Forschung sagt: Ja.
Aber nicht, weil sie alles schönreden.

Sondern weil sie:

  • flexibler denken
  • schneller regenerieren
  • weniger im Alarmmodus festhängen

Optimismus ist kein Dauerlächeln.
Er ist ein inneres Sicherheitsgefühl.

Optimismus neu verstehen

Optimismus heißt nicht:
„Alles wird super!“

Sondern:

„Ich vertraue darauf, dass ich mit dem umgehen kann, was kommt.“

Und das ist keine naive Hoffnung.
Das ist innere Stärke.

Wohlfühlogie-Definition: Gesunder Optimismus

Gesunder Optimismus ist keine rosarote Brille und kein „Alles-ist-gut“-Mantra.
Er ist die innere Haltung, die sagt:

Ich sehe, was schwierig ist – und ich traue mir zu, damit umzugehen.

In der Wohlfühlogie bedeutet Optimismus, den Fokus nicht auf Mangel oder Gefahr zu verengen, sondern Möglichkeiten bewusst mit ins Blickfeld zu holen. Nicht aus Naivität, sondern aus innerer Stabilität.

Gesunder Optimismus stärkt das Nervensystem, erweitert die Wahrnehmung und unterstützt die Selbstregulation. Er ist weniger ein Denken als ein Vertrauen in die eigene Bewältigungskraft -was man auch mit Resilienz bezeichnen könnte.

Zum Thema RESILIENZ (nach einem Sturm wieder aufstehen – oder sogar stabiler sein) habe ich einen eigenen Blogbeitrag verfasst. ➜ Wachstum aus Verlust: Die heilende Kraft deiner Resilienz.

Schau doch mal rein.

Mini-Übung: Vom Mangel-Blick zum Möglichkeits-Blick

(Dauer: 2–5 Minuten, überall machbar)

1. Wahrnehmen
Halte kurz inne und benenne still:
„Ich sehe gerade vor allem, was nicht geht.“
Keine Bewertung. Nur Feststellung.

2. Atmen
Ein tiefer Atemzug durch die Nase.
Langsam durch den Mund ausatmen.
(Dein Nervensystem hört mit.)

3. Die Wohlfühlogie-Frage
Stelle dir nun sanft die Frage: „Was geht trotzdem – auch wenn es klein ist?“

Denn irgendetwas geht fast immer.

Diese Frage erweitert den inneren Raum und plötzlich darf neben dem Problem auch eine Möglichkeit existieren.

Fragen sind immer Türöffner.

4. Verkörpern
Nimm die Antwort einen Atemzug lang im Körper wahr.
Nicht analysieren. Spüren reicht.

5. Abschluss
Sag innerlich:
„Das genügt für jetzt.“

Diese Übung trainiert dein Gehirn nicht auf Schönreden, sondern auf Weite.

Oder mache diese ÜBUNG: Bei Stress oder unangenehmen Gefühlen mit einer Person.
Du kannst dein Gehirn überlisten und 15 oder mehr positive Dinge an ihr finden. So entgehst du dem herunterziehenden Strudel der Misemotion zu der Person, die sonst bei dir bleiben würde.

Du änderst somit deine Einstellung. Genial, oder?

Wohlfühlogie-Merksatz zum Schluss 

Dein Gehirn sucht Probleme, aber du darfst Möglichkeiten finden.

Und manchmal beginnt das schon damit, dem eigenen Gedanken liebevoll zuzuflüstern:
„Danke für die Warnung – ich übernehme ab hier.“ 😉

Wenn unser Gehirn also darauf programmiert ist, Probleme schneller zu sehen als Möglichkeiten, dann stellt sich eine entscheidende Frage:

Was hilft uns heute wirklich – jenseits von gutem Zureden und positivem Denken?

Die Antwort liegt nicht im nächsten Gedanken.
Sondern oft genau dort, wo Denken leiser wird. Eine sanfte Unterbrechung unserer eingebauten Problem-Suchmaschine.

Von ♡ zu ♡

Deine Tine Sonnengold

Kleine Vorschau auf Teil 2: Etwas, das dem Nervensystem signalisiert:
Du bist sicher. Du darfst weiter schauen.

Bei Bedarf habe ich noch 5 wirksame Wege raus aus dem „Was-geht-nicht“-Modus für dich. Schreibe mir eine 5 in die Kommentare dann bekommst du sie von mir (alltagstauglich & ohne Zwangsoptimismus) zugesendet.


Entdecke mehr von Tine Sonnengold

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen