Warum Alkohol kein Ruhebringer ist, sondern ein stiller Stressor für dein Nervensystem

11 Minuten Lesezeit

Die große Verwechslung: Warum sich Alkohol wie Ruhe anfühlt

„Ein Glas zur Entspannung?“ – eine weit verbreitete Idee

Ein Glas Wein am Abend.
Ein Bier zum Runterkommen.
Ein „Jetzt hab ich’s mir verdient“.

Für viele gehört Alkohol ganz selbstverständlich zu Momenten, in denen der Tag endlich leiser werden darf. Wenn die Schultern sinken, der Kopf langsamer wird und dieses vertraute Gefühl einsetzt: Ahhh … jetzt Ruhe.

Und ja – genau so fühlt es sich oft an.

Doch hier kommt eine Beobachtung, die nicht anklagt, sondern neugierig macht:
Was wir als Entspannung erleben, ist für unser Nervensystem nicht automatisch Ruhe.

Manchmal ist es eher ein kurzes Abschalten der Wahrnehmung.
Eine Pause vom Spüren.
Eine Dämpfung im System.

Das ist nicht falsch. Und schon gar nicht moralisch verwerflich.
Aber es ist auch nicht das, was unser Nervensystem langfristig unter echter Regeneration versteht.

Denn Ruhe ist mehr als Müdigkeit.
Und Entspannung ist mehr als ein gedimmtes Gefühl.

Dieser Text lädt dich ein, Alkohol einmal nicht durch die Brille von Verzicht, Leberwerten oder Disziplin zu betrachten – sondern durch die Perspektive des Nervensystems.
Ganz ohne Dogma. Ohne „man sollte“.

Vielleicht ist dieser Artikel kein Grund, sofort etwas zu ändern.
Aber möglicherweise ein stiller Moment des Wieder-Hinhörens.

Und manchmal ist genau das der Anfang von echter Ruhe.

Dieser Beitrag ist Teil meines Themenbereichs „Nervensystem & innere Sicherheit – emotionale Regulation verstehen“, in dem ich Zusammenhänge rund um emotionale Regulation und innere Stabilität beleuchte.

Dry January – ein kollektiver Reset-Impuls

Der Dry January kommt ursprünglich aus Großbritannien. 2014 wurde er als Gesundheitskampagne ins Leben gerufen, um Menschen zu motivieren, einen Monat lang keinen Alkohol zu trinken. Seitdem hat sich das Konzept international verbreitet – auch in Deutschland.

Warum gerade Januar?

Nach der Weihnachtszeit mit Glühwein, Sekt und reichlich Essen wirkt der Jahresanfang wie ein natürlicher Reset-Knopf. Viele nutzen den Monat, um Gewohnheiten zu hinterfragen und dem Körper eine Pause zu gönnen – ähnlich wie die Fastenzeit, die ursprünglich ebenfalls zur körperlichen und geistigen Klärung gedacht war. Ganz pragmatisch betrachtet waren früher übrigens oft auch die Vorräte knapp – Maßhalten war Notwendigkeit, nicht Trend.

Auch ich hatte in meinem Leben immer wieder längere Phasen ohne Alkohol. Nicht aus Zwang, sondern aus einem sehr klaren Wunsch heraus: geistige Klarheit. Gerade bei geschäftlichen Treffen oder Familienfeiern.

Ich habe ohnehin eine recht lockere Zunge, bin offen, ehrlich – da muss ich nichts zusätzlich „auflockern“. Und mal ehrlich: Wer hat nicht schon peinliche Situationen erlebt – bei sich selbst oder anderen – unter verstärktem Alkoholeinfluss?

Wir trinken nicht, weil wir Alkohol wollen – wir trinken, weil es normal ist. 

Tja, und da sollte man doch echt mal drüber nachdenken wie ich finde.

Das ist der eigentlich unbequeme Punkt:
Alkohol ist weniger ein Getränk als ein soziales Passwort.

Es signalisiert:
„Ich gehöre dazu.“
„Ich bin locker, nicht schwierig.“
„Ich feiere mit.“
„Ich falle nicht aus dem Rahmen.“

Für mich ist es normal, keinen Alkohol zu trinken. Und wenn doch, dann ist es wirklich eine Ausnahme.
Auch die zusätzlichen Kalorien kann ich ehrlich gesagt nicht gebrauchen – aber das ist ein anderes Thema. Körperform & Alterung in Bezug auf Alkohol wird wohl ein eigener Beitrag.

Jetzt geht es wieder zurück zum Nervensystem.

Die eigentliche Verwechslung

Müdigkeit ist nicht gleich Ruhe

Alkohol macht nicht ruhig – er dämpft die Wahrnehmung.

Und genau hier liegt der Unterschied zwischen:

  • Abschalten
  • Regulieren

Was betäubt ist, fühlt sich kurzfristig leichter an.
Aber Betäubung wird oft mit Entspannung verwechselt.

Wohlfühlogie-Gedanke:
Ruhe entsteht nicht durch Wegdrücken, sondern durch Sicherheit.

Alkohol ist ein stiller Gegenspieler von Wohlbefinden – und er gewinnt so lange, wie du ihn nicht als solchen erkennst.

Du erlebst:
kurze subjektive Erleichterung.

Dein Nervensystem erlebt:
kompensatorische Übererregung.

Was Alkohol im Nervensystem wirklich auslöst

Ein Blick hinter das Gefühl

Du glaubst, Alkohol entspannt dich, aber neurobiologisch passiert das Gegenteil.

Alkohol wird gesellschaftlich noch immer verharmlost. Der Glaube, ein „genussvolles Glas Wein“ sei sogar gesundheitsfördernd, hält sich hartnäckig. Doch die Studienlage ist heute sehr eindeutig: Es gibt kein sicheres Mindestmaß beim Alkohol.
Auch moderate Mengen sind nicht harmlos. Alkohol ist ein Zellgift. Stanford Medicine

Kurzfristig:
→ Dämpfung, Enthemmung, scheinbare Entlastung

Mittelfristig:
→ Rebound-Stress, innere Unruhe, flacher Schlaf

Langfristig:
→ geringere Stresstoleranz

✔️ Wohlfühl-Marker:
Denke an dein Nervensystem – nicht an die Moral.

Viele Menschen trinken „zur Entspannung“.
Tatsächlich erhöht Alkohol die innere Belastung – nur eben im Stillen.

Darum fühlst du dich nach Alkohol oft:

  • wacher, als gut für dich wäre
  • unruhig in der Nacht
  • gereizt am nächsten Tag
  • mental dünnhäutig oder gedämpft

Alkohol macht nicht entspannter –
er macht abhängiger von Entspannung von außen.

Wenn du regelmäßig trinkst, lernt dein Nervensystem:
Entspannung kommt nicht von mir – sie kommt von außen.

Das schwächt deine innere Autorität über dein Befinden.

Der Körper merkt es früher als der Kopf

Weil das Gehirn immer gegenregelt, steigt bei regelmäßigem Konsum der Grundpegel an Anspannung. Studien zeigen u. a.:

  • Reizbarkeit
  • emotionale Dünnhäutigkeit
  • soziale Überforderung
  • schnellere Erschöpfung

Das Ironische:
Menschen trinken, weil sie so sensibel sind –
und sie sind sensibel, weil sie trinken.

♡ Tine- Tipp: Der Körper flüstert, lange bevor er laut wird.

Wenn Alkohol wegfällt, kommt nichts „Schreckliches“ zum Vorschein.
Es fällt nur der Schleier weg. Deine echte Baseline wird sichtbar.

Und genau das ist Wohlfühlogie:
Nicht das Leben weichpolstern, sondern mit dir selbst so in Einklang kommen,
dass du keinen Betäubungsmodus mehr brauchst.

Alkohol & Schlaf – nur kurz angerissen

Schneller einschlafen heißt nicht besser schlafen.
Alkohol fragmentiert die Nacht und reduziert  die Tiefenruhe.

Dazu schreibe ich bald einen eigenen Beitrag, denn dieses Missverständnis hält sich hartnäckig.

Was bedeutet „fragmentierter Schlaf“?

Fragmentierter Schlaf bedeutet, dass deine Nachtruhe immer wieder unmerklich unterbrochen wird. Du schläfst zwar ein – aber dein Körper bleibt innerlich in Alarmbereitschaft.

Alkohol kann das Einschlafen erleichtern, stört jedoch später in der Nacht die natürlichen Schlafphasen.
Das Nervensystem wird wieder aktiver, der Schlaf wird flacher und zerhackter.

Die Folge:
Du bist morgens müde, obwohl du „geschlafen“ hast –
dein Körper hatte keine durchgehende Zeit für echte Regeneration.

✔️ Wohlfühlogie- Marker:

Echte Ruhe entsteht nicht dort, wo wir Gefühle dämpfen, sondern dort, wo unser Nervensystem sich sicher fühlen darf.


Wohlfühlogie-Metapher

Fragmentierter Schlaf ist wie ein Akku,
der die ganze Nacht am Ladegerät hängt –
aber immer wieder kurz den Kontakt verliert.
Am Morgen bist du nicht leer,
aber auch nicht wirklich voll.

Oder anders gesagt:
Dein Körper war im Bett.
Dein Nervensystem auf Nachtwache.

Was dein Nervensystem stattdessen wirklich braucht

Warum Verzicht sich zunächst unangenehm anfühlen kann

Wenn Alkohol wegfällt, beginnt das Nervensystem wieder zu spüren.

Zuerst zeigen sich:

  • Unruhe
  • Nervosität
  • das Gefühl: „Irgendwas fehlt“

Denn regelmäßiger Konsum verändert das Belohnungssystem im Gehirn, der Kontrollverlust nimmt zu. Entzugssymptome entstehen, weil das Gehirn sich an die dämpfende Wirkung von Alkohol gewöhnt hat. Diese Dämpfung auch Gehirnnebel genannt fällt nun weg.
Das Nervensystem lernt ohne Alkohol sich wieder selbst zu regulieren, denn Alkohol ist ein Zellgift, das jede Körperzelle schädigt.

Nicht der Verzicht ist das Problem, sondern das, was vorher überdeckt war.

Ein alkoholfreier Monat bringt oft spürbare Effekte:

  • besserer Schlaf
  • mehr Energie
  • klareres Denken

Viele trinken danach bewusster – und das ist bereits ein Gewinn.

Es gibt inzwischen sogar Varianten wie den „Damp January“, bei dem es um deutliche Reduktion statt kompletten Verzicht geht. Ein Ansatz, den viele als alltagstauglich empfinden.

Sanfte Alternativen zur abendlichen Regulation

Was dein Nervensystem wirklich mag:

  • Das LICHT dimmen
  • Den ATEM verlängern: Langer, tiefer Atem. Dein Wohlfühl-Booster to go. Du hast ihn immer bei dir. Er beruhigt dein Nervensystem wie eine liebevolle Hand auf deiner Schulter.
  • Ein warmes Getränk
  • ruhige Übergangs-RITUALE:
    • Mir hilft Yin Yoga –vor dem Schlafen. Eine Einladung zur Hingabe. Yin Yoga ist wie eine liebevolle Umarmung von innen. Eine Praxis, die dich nicht antreibt, sondern einlädt – zum Loslassen, zum Spüren, zum Sein. Sie ist ruhig, langsam und tiefgehend – genau das, was unser oft hektisches Leben so dringend braucht. 
    • Oder du nutzt die Tiefenentspannung durch Yoga Nidra: Du liegst bequem, wirst mit sanfter Stimme durch eine Reise geführt. Körper, Atem, Gedanken dürfen loslassen. Pure Erholung.
    • Shaking ist eine Form der Körperarbeit, mit der du dich von negativen Gefühlszuständen und inneren Blockaden befreien kannst. Jederzeit so oft wie nötig. Als „Therapie“: 7x mal am Tag schütteln. Ein Genuss für dein Nervensystem. Raus aus dem Kampf-Flucht-Modus.

      Mein Fazit im Wohlfühlogie-Stil:
      Shaking ist wie ein Reset-Knopf für die Seele. Du schüttelst den alten Mist raus und machst Platz für Frische, Klarheit und neue Energie.

      Probier’s aus – auch mal morgens zum Wachwerden, nach einem stressigen Tag oder wenn du einfach mal wieder „aus dem Kopf – in den Körper“ willst.

      Wie ich in der Wohlfühlogie sagen würde: „Einmal ordentlich durchschütteln bitte – für mehr inneres Leuchten.“ 
    • Und dann gibt’s da noch TRE® eine Körperbasierte Methode (Tension & Trauma Releasing Exercises) was dein Nervensystem neu schreibt. Mehr dazu habe ich in meinem Buch WOHLFÜHLOGIE- Oder (m)eine Wissenschaft des Wohlfühlens beschrieben.
    • Naturkontakt (auch am Abend) selbst wenn es nur eine Runde durch den Garten gehen ist:
      Extra-Tipp: Wenn du magst, wiederhole beim Gehen in Gedanken ein kleines Mantra, z. B.: „Ich bin da.“
      „Mit jedem Schritt werde ich ruhiger.“
      „Ich vertraue dem Weg.“

      Ideal für zwischendurch, wenn du dich verspannt, gestresst oder überfordert fühlst.
      Auch wunderbar als Mini-Ritual vor einem wichtigen Gespräch oder abends zum Runterkommen. 

Keine Liste zum Abarbeiten.
Eher eine Einladung zum Spüren und für mehr Kontakt zu deinem Nervensystem.

Was zurückkommt, wenn Alkohol verschwindet

Der Körper ist nicht nachtragend.
Er ist sofort bereit zur Versöhnung.

Du nimmst deinem System nicht den Spaß – du gibst ihm die Steuerung zurück.

Wohlfühlen entsteht nicht durch Betäubung, sondern durch Selbstführung.

Du hörst auf, dich zu betäuben, damit du wieder spüren kannst, was du brauchst.

Wohlfühlen entsteht nicht dadurch, dass du den Lautstärkeregler für Gefühle zudrehst, sondern dadurch, dass du wieder Chef im eigenen Innenleben wirst.

Das ist Selbstwirksamkeit in ihrer reinsten Form: Nicht „ich halte das Leben nur aus“, sondern „ich kann damit sein, ohne mich verlieren zu müssen“.

Es geht nicht um „nie wieder“, sondern um: Wahrnehmung, Ehrlichkeit und Wahlfreiheit

Es geht nicht um Moral, sondern um Selbstfürsorge

Selbstführung statt Selbstkontrolle

Der Verzicht bzw. Reduktion kann auch als Selbstliebe-Praktik gesehen werden: Ich sorge dafür, dass mein Körper optimal funktioniert, ich bin in Beziehung mit mir selbst – nicht im Verzichts‐Modus, sondern im Wahl‐Modus.

Das eigentlich Fiese an Alkohol ist nicht der Rausch, sondern die Routine.
Nicht das „zu viel“, sondern das „immer wieder ein bisschen“ bringt dein System durcheinander.

Nüchternheit kann ein Weg zu Selbstbestimmung und emotionaler Klarheit sein.

Der Trend ist weniger „Askese“ als vielmehr ein moderner Gesundheitsimpuls.

Alkoholverzicht ist gesellschaftlich im Mainstream angekommen. Wie siehst du das? Freue mich über Kommentare.

REFLEKTIONSFRAGE

Wenn du magst, beobachte dich in den nächsten Tagen einmal ohne Bewertung.
Nicht mit der Frage: 

„Darf ich das?“ 

sondern mit der viel ehrlicheren:

„Was braucht mein Nervensystem gerade wirklich?“

Manchmal ist es weniger Reiz.
Manchmal mehr Kontakt.
Und manchmal einfach die Erlaubnis, nichts betäuben zu müssen.

Mini-Reflexion

Trinke ich gerade, um zu genießen – oder um etwas nicht spüren zu müssen?

Kein Muss.
Nur eine Einladung.

Von ♡ zu ♡
Deine Tine Sonnengold


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