Unser Gehirn braucht nicht ständig mehr Input. Es braucht auch Raum, um Informationen zu verarbeiten, Aufmerksamkeit zu bündeln und neue Verbindungen entstehen zu lassen. Der Beitrag zeigt, warum geistige Klarheit, Konzentration und Kreativität durch bewusste Auswahl, Pausen, Bewegung, Natur, Schlaf, Freude und weniger Reize unterstützt werden können und warum mehr Raum im Kopf auch eine Form von Selbstfürsorge ist – ganz im Sinne der Wohlfühlogie.
Er ist der Überblicksbeitrag zum Themenbereich „Mentale Überlastung, Stressmanagement & Reizreduktion“. Er nimmt dich mit auf eine kleine Landkarte rund um die Frage: Was braucht unser Gehirn, um klar denken zu können?
Von Aufmerksamkeit und Informationsflut über Leerräume und Kreativität bis hin zu bewusster Reizreduktion und der Frage, wie unsere Umgebung dabei auf uns wirkt bis hin zu bewusster Reizreduktion geht es darum, wieder mehr geistigen Freiraum zu schaffen – für Klarheit, Konzentration und Wohlbefinden.
Die einzelnen Beiträge in diesem Themenbereich beleuchten ausgewählte Aspekte anschließend noch genauer. Zum Beispiel, warum Grün ein überreiztes Gehirn entlasten kann und welche Rolle Natur dabei spielt.
Unser Gehirn lebt nicht von ständigem Input
Unser Gehirn kann nicht alles gleichzeitig aufnehmen. Unsere Aufmerksamkeit ist begrenzt. Deshalb ist die Frage nicht nur, wie viel wir in unseren Kopf hineinbekommen sondern auch, was wir überhaupt hineinlassen.
Denn ein leerer Moment ist kein verlorener Moment. Er kann Raum schaffen: für Verarbeitung, für Verbindung, für Kreativität, für Klarheit und letztlich für uns selbst.
Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der Leistung und Produktivität ziemlich hoch im Kurs standen. Fleißig sein, etwas schaffen, weitermachen – gerade als Frau. Einfach nur herumzusitzen, ohne etwas zu tun? Das hatte schnell den Beigeschmack von Zeitverschwendung oder Faulheit, so wurde ich erzogen.
Meine Oma hat mir da etwas anderes vorgelebt. Sie hat viel körperlich gearbeitet. Sie wusste also durchaus, was Arbeit bedeutet. Aber sie konnte auch einfach sitzen. Ihre Katze streicheln. In den Garten schauen. Die Blumen, das Obst und Gemüse betrachten. Genießen. Und das war für sie kein „Nichtstun“, das erst gerechtfertigt werden musste.
Sie hatte nicht das Bedürfnis, aus jedem freien Moment etwas machen zu müssen. Ihre Einstellung war eher: Jetzt setzen wir uns erst mal hin und trinken gemütlich einen Kaffee auf dem Hof, wo das Wetter heute doch gerade so schön ist.
✔️ WOHLFÜHL-MARKER:
Ein gutes Leben besteht nicht nur aus dem, was wir tun.
Es besteht auch aus dem, was wir wahrnehmen und genießen.
Meine Oma ist 100 Jahre alt geworden. Dass ihre Haltung allein dafür verantwortlich war, würde ich niemals behaupten. Dazu gehört das ganze Leben mit all seinen Faktoren. Aber was ich von ihr gelernt habe, ist für mich bis heute wertvoll:
➜ Ausruhen ist kein Versagen. Und Genießen ist keine Zeitverschwendung.
Genau darin steckt eine Haltung, die wir heute wiederentdecken dürfen. Denn wir leben in einer Zeit, in der selbst freie Momente sofort mit etwas gefüllt werden: Nachrichten, Podcasts, Social Media, Videos, Musik, E-Mails, Informationen. Kaum entsteht eine kleine Lücke, greifen wir zum Smartphone und füllen sie. Selbst im Fahrstuhl schaut sich keiner mehr an. Schon mal erlebt?
Dabei braucht unser Gehirn nicht nur Input. Es braucht auch Zeit, mit dem umzugehen, was bereits angekommen ist.
Wann haben wir eigentlich angefangen zu glauben, dass ein Moment nur dann wertvoll ist, wenn wir etwas mit ihm machen?
Unsere Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut
Unsere Aufmerksamkeit ist keine unerschöpfliche Ressource. Wir können nicht alles gleichzeitig bewusst wahrnehmen, verarbeiten und im Blick behalten. Unser Fokus funktioniert eher wie eine Taschenlampe: Er beleuchtet einen Ausschnitt – während vieles andere gerade im Dunkeln bleibt.
Das ist keine Schwäche unseres Gehirns. Es ist eine Voraussetzung dafür, überhaupt konzentriert denken zu können.
Problematisch wird es, wenn ständig jemand an dieser Taschenlampe rüttelt.
Eine Nachricht hier, ein kurzer Blick aufs Handy dort, eine neue E-Mail, ein Gedanke, ein Geräusch, ein weiterer Tab auf dem Bildschirm. Dazu die Nachrichtenlage, Social Media und die schier endlose Menge an Informationen, die jederzeit verfügbar ist.
Unser Gehirn muss dabei fortlaufend bewerten: Ist das wichtig? Muss ich darauf reagieren? Ist das neu? Sollte ich meine Aufmerksamkeit dorthin richten?
Was sich wie Multitasking anfühlt, ist deshalb häufig kein echtes gleichzeitiges Verarbeiten mehrerer anspruchsvoller Aufgaben. Stattdessen wechselt unsere Aufmerksamkeit zwischen verschiedenen Reizen und Aufgaben hin und her. Jeder Wechsel kostet geistige Ressourcen.
Hier kommt ein Gedanke ins Spiel, der für diesen Beitrag wichtig ist:
Unser Gehirn ist kein passiver Speicher. Es verarbeitet, sortiert, bewertet und verbindet ständig das, was wir aufnehmen.
Informationen landen also nicht einfach irgendwo in unserem Kopf und bleiben dort liegen. Unser Gehirn arbeitet damit weiter, stellt Verbindungen her und richtet unsere Aufmerksamkeit immer wieder neu aus.
Deshalb geht es nicht darum, möglichst viel in unseren Kopf hineinzubekommen.
Es geht auch darum, was unser Gehirn mit dem macht, was wir hineinlassen.
Und damit stellt sich die entscheidende Frage:
Was davon verdient überhaupt meine Aufmerksamkeit?
Denn auch unser Gehirn hat eine Art eingebauten Problem-Scanner. Es richtet seine Aufmerksamkeit besonders leicht auf das, was auffällt, möglicherweise wichtig
ist oder eine Lösung verlangt. Genau darüber habe ich bereits ausführlicher in diesem Beitrag geschrieben:
Wenn wir verstehen, dass Aufmerksamkeit begrenzt ist und unser Gehirn nicht neutral auf alles reagiert, wird eine Sache besonders interessant:
Wir können mitentscheiden, womit wir unseren geistigen Raum füllen.
Was bekommt eigentlich Raum in deinem Kopf?
Wie viel Raum hat dein Kopf noch für das, was dir wirklich wichtig ist?
Das ist eine Frage, die ich ziemlich spannend finde. Denn wir können uns noch so klar darüber sein, was unsere Werte sind, was uns wichtig ist und wie wir eigentlich leben möchten – wenn unser Kopf permanent mit anderem beschäftigt ist, wird es schwierig, danach zu handeln.
Was nützt mir Klarheit über meine Werte, wenn mein mentaler Schreibtisch schon komplett vollgestellt ist?
Da liegt noch die E-Mail von heute Morgen. Daneben die Nachricht, auf die ich noch antworten wollte. Im Hintergrund läuft irgendein Podcast. Auf dem Smartphone wartet eine neue Meldung. Und irgendwo dazwischen sitzt noch ein Gedanke, der eigentlich dringend bearbeitet werden möchte. Ach ja, und das Telefon klingelt schon wieder.
Willkommen im mentalen Großraumbüro. Alle reden gleichzeitig.
Und alles scheint super wichtig zu sein. Dabei lohnt sich ein Blick auf die Frage:
Was bekommt eigentlich Raum in deinem Kopf?
Denn unsere Aufmerksamkeit wird nicht nur von dem bestimmt, was uns wirklich wichtig ist. Sie wird auch von dem angezogen, was laut, neu, emotional oder bedrohlich ist.
Nachrichten.
Social Media.
Meinungen.
Angst.
Chaos.
Krieg.
Katastrophen.
Ständige Erreichbarkeit.
Und zu guter Letzt gibt’s dann noch Doomscrolling. Es bezeichnet das endlose Scrollen durch überwiegend negative oder beunruhigende Nachrichten und Inhalte – obwohl wir längst merken, dass uns das gar nicht guttut. Ein bisschen wie: Nur noch eine Meldung … und dann höre ich wirklich auf.
Unser Gehirn interessiert sich nun einmal ziemlich zuverlässig für Dinge, die möglicherweise wichtig sein könnten. Das kann sinnvoll sein. Schließlich wollen wir Gefahren erkennen und auf unsere Umwelt reagieren.
Nur leben wir heute in einer Welt, in der uns potenziell Wichtiges rund um die Uhr auf den Bildschirm geschickt wird.
Das Gehirn bekommt also nicht mehr nur mit, was vor unserer Haustür passiert. Es bekommt theoretisch mit, was gerade auf der ganzen Welt passiert. Rund um die Uhr.
Und natürlich können wir nicht alles davon verarbeiten.
Ich habe deshalb für mich schon vor vielen Jahren entschieden, Nachrichten nicht mehr ständig zu konsumieren. Nicht, weil mir die Welt egal ist. Ganz im Gegenteil. Klar möchte ich wissen, was in der Welt passiert. Aber ich möchte nicht, dass die Welt jederzeit ungefiltert in meinem Kopf passiert.
Das ist für mich ein wichtiger Unterschied.
Informationen bewusst auszuwählen bedeutet nicht, die Augen vor der Welt zu verschließen. Es bedeutet, selbst mitzuentscheiden, welche Informationen ich wann und in welcher Dosis in mein Leben lasse.
Und genau hier berührt das Thema auch unsere Werte.
Denn wenn du weißt, was dir wirklich wirklich wichtig ist, stellt sich irgendwann ganz automatisch die nächste Frage:
Bekommt das, was mir wichtig ist, auch genug von meiner Aufmerksamkeit?
Dazu passt wunderbar dieser Beitrag:
Denn Werte sind nicht nur schöne Begriffe, die wir irgendwo aufschreiben. Sie werden lebendig, wenn wir unser Leben danach ausrichten.
Und dazu gehört auch, zu entscheiden, was Raum bekommen darf und was nicht.
Worauf ich meine Aufmerksamkeit richte, ist deshalb auch eine Form von Selbstfürsorge.
Reizreduktion ist keine Weltflucht.
Sie kann eine bewusste Entscheidung sein.
♡ Wer oder was bekommt meine Aufmerksamkeit?
♡ Wer oder was bekommt meine Zeit?
♡ Wer oder was bekommt Raum in meinem Kopf?
♡ Und was darf draußen bleiben?
Das bedeutet nicht, dass wir alles ausblenden sollen, was unangenehm ist. Leben besteht nicht aus Wohlfühlblasen. Es gibt Krieg, Krisen, Krankheit, Katastrophen und Dinge, die uns berühren und beschäftigen dürfen.
Aber wir müssen nicht jede Meldung sehen.
Nicht jede Meinung kennen.
Nicht jede Diskussion verfolgen.
Nicht jede Benachrichtigung beantworten.
Wir dürfen auswählen.
✔️ WOHLFÜHL-MARKER:
Ein Nein zu ständigem Input kann ein Ja zu deinem inneren Raum sein.
Ein leerer Moment ist kein verlorener Moment
Was passiert eigentlich, wenn wir einmal nichts Neues aufnehmen?
- Kein Podcast.
- Keine Nachricht.
- Kein Video.
- Kein Scrollen.
- Keine neue Information, die unsere Aufmerksamkeit haben möchte.
Auf den ersten Blick könnte man sagen: Nichts.
Doch in unserem Kopf ist auch dann einiges los. Unser Gehirn kennt unterschiedliche Zustände und Netzwerke, die je nach Situation zusammenspielen. Eines davon ist das sogenannte Default Mode Network, kurz DMN. Es wird besonders dann aktiv, wenn unsere Aufmerksamkeit nicht vollständig auf eine äußere Aufgabe gerichtet ist und Gedanken stärker nach innen wandern.
✺ Dann erinnern wir uns.
✺ Wir denken über uns selbst und Erlebtes nach.
✺ Wir stellen uns Zukünftiges vor.
✺ Gedanken wandern von einem Thema zum nächsten.
✺ Und Informationen, die bereits in unserem Kopf angekommen sind, können miteinander in Verbindung treten.
Das bedeutet nicht, dass unser Gehirn in diesen Momenten einfach „Pause macht“.
Es arbeitet anders.
Und genau das fasziniert mich: Ein scheinbar leerer Moment kann geistig alles andere als leer sein.
Vielleicht kennst du das selbst: Du beschäftigst dich lange mit einer Frage und kommst einfach nicht weiter. Dann gehst du spazieren, duschst, schaust aus dem Fenster oder machst etwas völlig anderes und plötzlich ist sie da, die Idee.
„Ach! Jetzt weiß ich es!“
Woher kam sie?
Natürlich nicht aus dem Nichts.
Unser Gehirn hatte die Informationen längst. Nur hatten wir aufgehört, sie mit aller Kraft festhalten und bearbeiten zu wollen.
Gedankliches Wandern ist also nicht automatisch Zeitverschwendung.
Wir haben uns nur so sehr daran gewöhnt, jeden freien Moment zu füllen, dass wir leicht vergessen, dass auch scheinbar unproduktive Zeiten ihren Wert haben können.
Denn wenn nicht ständig etwas Neues hereinkommt, bekommt das, was bereits in uns ist, Raum. Informationen können sich verbinden. Erinnerungen können auftauchen. Gedanken können neue Wege nehmen. Aus Bekanntem kann etwas Neues entstehen.
Und genau hier berühren wir bereits das nächste spannende Thema:
Kreativität braucht Leere.
Nicht im Sinne von: Je weniger wir wissen, desto kreativer werden wir. Im Gegenteil. Kreativität braucht Material. Erfahrungen, Wissen, Eindrücke und Gedanken.
Aber sie braucht auch Freiraum, damit daraus neue Verbindungen entstehen können.
Deshalb brauchen wir neben fokussierter Aufmerksamkeit auch Zeiten, in denen unser Denken weniger eng geführt wird.
Unser Gehirn braucht nicht nur Input. Es braucht auch Zeit, mit dem Input etwas anzufangen.
Zeit zum Verarbeiten.
Zeit zum Erinnern.
Zeit zum Verknüpfen.
Zeit zum Abschweifen.
Zeit für neue Gedanken.
Und diese Verarbeitung endet nicht unbedingt in dem Moment, in dem wir unseren Spaziergang beenden oder das Buch zuklappen. Auch Schlaf spielt eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung und Konsolidierung von Erinnerungen.
Deshalb kennen wir wohl alle diesen Satz: „Darüber muss ich erst einmal eine Nacht schlafen.“ Und tatsächlich kann Abstand helfen, eine Frage später aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Das bedeutet nicht, dass unser Gehirn über Nacht jede Lösung fertig sortiert. Aber es erinnert uns daran, dass nicht jeder Gedanke sofort zu Ende gedacht werden muss.
Manchmal darf etwas einfach erst einmal liegen.
Und damit bekommt der leere Moment eine ganz neue Bedeutung.
Er ist nicht leer.
Er ist frei.
Frei von neuem Input.
Frei für das, was bereits in uns arbeitet.
Kreativität braucht Leere
Klarheit braucht Freiraum. Konzentration braucht Freiraum. Und auch Kreativität braucht Freiraum. Denn neue Ideen entstehen selten aus dem Nichts. Sie entstehen häufig daraus, dass unser Gehirn bereits vorhandene Informationen, Erfahrungen und Eindrücke neu miteinander verbindet.
Dafür muss nicht ständig etwas Neues hineinkommen.
Im Gegenteil: Wenn wir jede freie Sekunde mit Input füllen, bleibt wenig Gelegenheit für das, was unser Gehirn bereits aufgenommen hat.
Ein Gedanke führt zum nächsten.
Eine Erinnerung verbindet sich mit einer Idee.
Etwas, das wir gestern gelesen haben, trifft auf eine Erfahrung von heute.
Und plötzlich entsteht daraus etwas, das vorher noch nicht da war.
Gedankliches Abschweifen kann dabei durchaus nützlich sein.
Nicht jedes Abschweifen natürlich – wir kennen auch die Variante, bei der wir eigentlich eine E-Mail schreiben wollten und 20 Minuten später bei einem völlig anderen Thema im Internet gelandet sind. Aber Gedanken müssen nicht immer schnurgerade von A nach B laufen. Manchmal führt gerade der kleine Umweg zu einer neuen Perspektive.
Und damit kommen wir zu etwas, das mir persönlich sehr zusagt: unkonventionelles Denken auch oft als „out-of-the-box“-Denken bezeichnet.
Wenn wir immer nur nach der schnellsten, effizientesten und bereits bekannten Lösung suchen, bewegen wir uns auf vertrauten Wegen. Das ist oft sinnvoll. Aber neue Ideen entstehen häufig dort, wo wir eine Frage einmal anders betrachten.
✺ Was wäre, wenn …?
✺ Was wäre, wenn es ganz anders geht?
✺ Was passiert, wenn ich die Perspektive wechsle?
✺ Oder wenn ich die Frage nicht sofort beantworten muss?
Auch Humor kann dabei eine Rolle spielen. Ein humorvoller Blick auf eine Situation kann Abstand schaffen, Denkgewohnheiten lockern und uns auf andere Möglichkeiten bringen. Manchmal reicht schon ein kleiner Perspektivwechsel und plötzlich sieht dieselbe Sache ganz anders aus.
Deshalb müssen wir nicht jede Frage sofort lösen.
Wir müssen nicht jeden Gedanken zu Ende denken.
Und wir müssen auch nicht jede Minute sinnvoll nutzen.
Kreativität braucht nicht nur Wissen. Sie braucht die Freiheit, Verbindungen herzustellen, die nicht sofort auf der Hand liegen.
Wie viele gute Gedanken haben wir schon verpasst, weil wir keine fünf Minuten Leerlauf ausgehalten haben?
Vielleicht saß die Idee schon irgendwo in unserem Kopf.
Vielleicht brauchte sie einfach ein bisschen Platz.
Denn Kreativität bedeutet nicht, möglichst viele Gedanken gleichzeitig zu produzieren.
Kreativität bedeutet auch, Gedanken miteinander spielen zu lassen.
Und dafür darf es zwischendurch ruhig einmal still werden.
Dein Gehirn ist kein Computer – es ist lebenslang veränderbar
Eine der ermutigendsten Eigenschaften unseres Gehirns ist: Es ist nicht irgendwann fertig.
Unser Gehirn kann sich ein Leben lang verändern. Es kann neue Verbindungen bilden, bestehende Verbindungen verändern und sich an neue Erfahrungen und Anforderungen anpassen. Diese Fähigkeit wird als Neuroplastizität bezeichnet.
Natürlich verändert sich unser Gehirn mit zunehmendem Alter. Neuroplastizität bleibt nicht in jedem Lebensalter gleich ausgeprägt und Lernen kann im Alter andere Bedingungen haben als in jungen Jahren. Aber die Vorstellung, dass unser Gehirn irgendwann nur noch auf dem Stand bleibt, den wir einmal erreicht haben, ist längst überholt. Auch ältere Menschen können neue Fähigkeiten lernen, eine neue Sprache lernen, neue Erinnerungen bilden und sich geistig weiterentwickeln.
Und genau deshalb lohnt sich dieser Gedanke:
Unser Gehirn reagiert auf das, womit wir uns beschäftigen.
Auf das, was wir lernen.
Auf das, was wir erleben.
Auf Bewegung.
Auf neue Erfahrungen.
Auf Interesse.
Auf Motivation.
Und auch auf Freude.
Das bedeutet nicht, dass wir unser Gehirn ständig trainieren müssen. Im Gegenteil: Ich mag den Gedanken viel lieber, dass echtes Interesse uns ins Tun bringt.
Wenn mich etwas wirklich interessiert, möchte ich mehr darüber wissen. Ich probiere etwas aus. Ich stelle Fragen. Ich bleibe dran. Ich entdecke Zusammenhänge.
Das fühlt sich ziemlich anders an als: „So. Jetzt trainiere ich mal mein Gehirn.“
Unser Gehirn ist schließlich kein Muskel, den wir einfach möglichst oft und möglichst hart trainieren müssen.
Freude erweitert unseren Denkraum
Und hier kommt ein Aspekt ins Spiel, der für mich ganz besonders gut zur Wohlfühlogie passt: Freude.
Die Psychologin Barbara Fredrickson beschreibt in ihrer Broaden-and-Build-Theorie, dass positive Emotionen wie Freude und Interesse unser momentanes Gedanken- und Handlungsspektrum erweitern können. Wir sehen mehr Möglichkeiten, sind offener für neue Erfahrungen und können leichter unterschiedliche Gedanken und Ideen miteinander verbinden.
Das passt zu dem, worüber wir gerade gesprochen haben:
Freiraum.
Neugier.
Perspektivwechsel.
Kreativität.
Und Freude.
Freude ist deshalb nicht nur etwas, das sich gut anfühlt. Sie kann auch unseren Blick auf die Welt verändern.
Was Freude mit unserem Wohlbefinden macht und wie wir ihr im Alltag wieder mehr Raum geben können, darüber schreibe ich hier:
Und damit sind wir wieder bei einer wichtigen Wohlfühlogie-Idee:
Du musst dein Gehirn nicht ständig optimieren.
Du darfst es auch interessieren, bewegen, überraschen und begeistern.
Denn das ist für mich viel näher am Leben als jeder noch so ausgefeilte „Gehirntrainingsplan“.
Lerne etwas, das dich wirklich interessiert.
Bewege dich.
Probiere Neues aus.
Bleib neugierig.
Und hab Freude dabei.
Nicht als Pflichtprogramm. Sondern weil du lebendig bist.
✔️ WOHLFÜHL-MARKER:
Dein Gehirn ist kein fertiges Produkt. Es ist ein lebendiges System, das sich mit deinem Leben verändert.
Und genau darin liegt eine wunderbare Botschaft:
Du bist nie zu alt für einen neuen Gedanken.
Klarheit entsteht durch Entlastung, nicht durch Kontrolle
Wir versuchen oft, Klarheit mit noch mehr Kontrolle herzustellen.
Noch besser planen.
Noch konzentrierter arbeiten.
Noch mehr schaffen.
Noch effizienter werden.
Doch unser Gehirn funktioniert nicht wie eine Maschine, die einfach schneller läuft, wenn wir mehr Druck machen.
Mehr Kontrolle bedeutet nicht automatisch mehr Klarheit.
Im Gegenteil: Wenn ständig neue Reize auf uns einprasseln und wir permanent reagieren müssen, bleibt wenig Raum für das, was wir eigentlich brauchen: Konzentration, Verarbeitung, Regeneration und innere Beweglichkeit.
Das Gehirn ist kein isolierter Denkapparat. Es ist Teil eines lebendigen Systems.
Und deshalb gehören zu geistiger Klarheit nicht nur Gedanken, sondern auch das, was unserem Körper und unserem Alltag gut tut.
Unser eigener Rhythmus
Unser Gehirn arbeitet nicht losgelöst von unserem Tagesablauf. Aktivität und Erholung, Anspannung und Entspannung gehören zusammen.
Deshalb lohnt es sich, den eigenen Rhythmus wahrzunehmen:
Wann bin ich wach und aufnahmefähig?
Wann brauche ich Ruhe?
Wann entstehen meine besten Gedanken?
Wohlbefinden entsteht oft dort, wo wir aufhören, im Rhythmus anderer zu leben, und beginnen, unseren eigenen wahrzunehmen.
✔️ WOHLFÜHL-MARKER:
Dein Rhythmus muss nicht zum Takt der Welt passen. Er darf zu dir passen.
Mehr dazu findest du auch in meinem Beitrag:
Pausen
Eine Pause ist keine Unterbrechung unseres Lebens. Sie ist ein Teil davon. Gerade wenn wir viel denken, entscheiden und verarbeiten müssen, brauchen wir Zeiten, in denen nichts Neues erledigt werden muss.
Eine Pause kann deshalb mehr sein als fünf Minuten ohne Arbeit. Sie kann ein Moment sein, in dem unser System aus dem ständigen Reagieren herauskommt.
✔️ WOHLFÜHL-MARKER:
Eine Pause ist keine verlorene Zeit. Sie ist eine Einladung, wieder bei sich selbst anzukommen.
Was eine echte Pause mit unserem Wohlbefinden zu tun hat, habe ich im Wohlfühlogie-ABC: P wie Pause beschrieben.
Bewegung
Und dann wäre da noch etwas, das auf den ersten Blick gar nicht nach geistiger Entlastung aussieht: Bewegung.
Wir denken häufig mit dem Kopf und vergessen dabei, dass wir einen ganzen Körper haben.
Ein Spaziergang, eine Runde mit dem Fahrrad, Yoga oder einfach ein paar Schritte durch den Garten verändern nicht nur unsere Körperhaltung. Bewegung bringt uns aus dem Sitzen, aus dem Festhalten und oft auch aus einer festgefahrenen Gedankenschleife heraus. Das Nutzen eines Stehpults geht in diese Richtung.
Du kennst vermutlich diese Momente: Eine Frage beschäftigt dich schon eine Weile und ausgerechnet beim Spazierengehen taucht plötzlich ein neuer Gedanke auf.
Nicht weil wir krampfhaft nach der Lösung gesucht haben, sondern weil wir aufgehört haben, sie erzwingen zu wollen.
Manchmal muss ein Gedanke nicht weitergedacht werden. Man muss einfach mal losgehen. Rauszeit.
Natur
Besonders schön lässt sich das in der Natur erleben. Wald, Wasser, Weite, Himmel, Wind, Vogelstimmen – Natur bietet Reize, die unsere Aufmerksamkeit anziehen können, ohne ständig eine Reaktion von uns zu verlangen. Forschung zu sogenannten restaurativen Umgebungen beschreibt genau diesen Unterschied: Natur kann dabei helfen, mentale Ermüdung zu reduzieren und Aufmerksamkeit zu regenerieren.
Das passt genau zu unserem Gedanken von Freiraum und gedanklichem Abschweifen.
Wenn ich durch die Natur gehe, bewegt sich mein Körper im Außen und oft kommt auch im Inneren etwas in Bewegung.
✔️ WOHLFÜHL-MARKER:
Was uns umgibt, wirkt auf das, was in uns geschieht.
Die Natur erinnert uns daran, dass nicht alles gleichzeitig schnell, laut und effizient sein muss. Sie kann uns dabei helfen, wieder einen anderen Rhythmus wahrzunehmen. Mehr dazu findest du in meinem Beitrag aus dem WOHLFÜHLOGIE- ABC:
Sicherheit und Entspannung
Auch unser Erleben von Sicherheit spielt eine Rolle. Wenn wir uns dauerhaft unter Druck fühlen, kostet das Aufmerksamkeit. Unser System ist dann stärker mit dem beschäftigt, was gerade bewältigt oder kontrolliert werden muss.
Deshalb ist Entlastung nicht nur eine Frage des Terminkalenders.
Es geht auch um die Frage:
Wie viel innere Anspannung begleitet mich eigentlich durch meinen Alltag?
Wer ständig unter Spannung steht, wird nicht automatisch schneller.
Er wird oft unbeweglicher.
Und genau das kennen wir auch aus dem Denken: Unter Druck wollen wir eine Lösung erzwingen. In einem entspannten Moment taucht sie dann plötzlich auf – unter der Dusche, beim Spaziergang oder gemütlich auf dem Sofa.
Unser Wohlfühlrhythmus besteht deshalb nicht nur aus Aktivität. Er braucht ebenso Zeiten der Erholung, des Loslassens und der Regeneration.
✔️ WOHLFÜHL-MARKER:
Wahre Beweglichkeit entsteht nicht aus ständigem Druck.
Sie braucht auch Entlastung.
Und dann ist da noch der Schlaf
Schlaf gehört ebenfalls zu diesem System. Während wir schlafen, laufen wichtige Prozesse der Gedächtnisverarbeitung und körperlichen sowie emotionalen Regulation ab. Schlafmangel kann dagegen Aufmerksamkeit, Stimmung und kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.
Schlaf ist deshalb weit mehr als die Zeit, in der wir nichts tun.
Er ist aktive Regeneration.
Und damit schließt sich für mich ein Kreis: Wir können unserem Gehirn nicht rund um die Uhr neue Aufgaben geben und gleichzeitig erwarten, dass es dauerhaft auf höchstem Niveau funktioniert.
Auch ein Gehirn braucht Zeiten, in denen es nicht liefern muss.
Mehr über die besondere Bedeutung des Schlafs für Körper, Geist und seelische Balance findest du in meinem Überblicksbeitrag:
Entlastung statt Selbstoptimierung
♡ Rhythmus
♡ Pausen
♡ Bewegung
♡ Natur
♡ Sicherheit
♡ Schlaf
Das sind keine weiteren sechs Punkte auf unserer persönlichen Optimierungsliste.
Sie sind Bedingungen, die unserem System Raum geben können.
Denn geistige Klarheit entsteht nicht dadurch, dass wir uns noch besser kontrollieren.
Sie entsteht eher dadurch, dass wir weniger kontrollieren müssen.
Dass wir Reize reduzieren.
Dass wir Pausen zulassen.
Dass wir uns bewegen.
Dass wir in die Natur gehen.
Dass wir gut & ausreichend schlafen.
Dass wir wieder wahrnehmen, was uns wirklich gut tut.
Wenn wir gut für uns sorgen,
- denkt das Gehirn klarer
- fühlt sich der Körper ruhiger
- und das Leben wird leichter.
✔️ WOHLFÜHL-MARKER:
Geistige Klarheit entsteht nicht durch immer mehr Kontrolle.
Sie entsteht, wenn unser System wieder Raum bekommt.
Mehr Raum im Kopf beginnt mit bewusster Auswahl
Unser Gehirn braucht Raum.
♡ Raum, um Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten.
♡ Raum, um Aufmerksamkeit zu bündeln.
♡ Raum, um sich zu erholen.
♡ Raum, um Gedanken zu verbinden.
♡ Raum, damit Kreativität entstehen kann.
♡ Und auch Raum, damit wir wieder hören, was in uns selbst passiert.
Mehr Raum im Kopf beginnt nicht unbedingt mit mehr Veränderung. Es kann schon damit anfangen, etwas wegzulassen.
Probier doch einfach einmal aus, was passiert, wenn du bewusst etwas weglässt.
Drei kleine Experimente
① Eine Tätigkeit ohne Input
Spazieren ohne Podcast.
Kaffee ohne Handy.
Duschen ohne Beschallung.
Einfach einmal nur das tun, was du gerade tust.
② Einen Fokusraum schaffen
Eine Sache.
Keine parallelen Reize.
Keine ständigen Unterbrechungen.
Nicht alles gleichzeitig. Sondern das, was gerade dran ist.
③ Leerlauf zulassen
Ein paar Minuten nichts konsumieren.
Kein Scrollen.
Keine Nachrichten.
Kein neuer Input.
Und dann einfach beobachten, was im Kopf passiert.
Vielleicht kommt ein Gedanke.
Vielleicht eine Erinnerung.
Vielleicht eine Idee.
Vielleicht auch einfach: nichts.
Auch das ist eine Erfahrung.
Und danach?
Was verändert sich?
Genau hier beginnt für mich Wohlfühlogie:
Wissen → ausprobieren → wahrnehmen → eigene Wahrheit entdecken.
Und genau darum geht es bei meinen 3W’s:
Wissen darf der Anfang sein. Erleben zeigt dir, was daraus wird.
Denn nicht alles, was theoretisch gut klingt, muss für dich passen.
Finde heraus, was deinem Kopf Raum gibt.
✔️ WOHLFÜHL-MARKER: Weniger Input kann mehr Raum für dich bedeuten.
Die Wohlfühlogie: Wem gehört eigentlich dein geistiger Raum?
Wie bekommen wir wieder so viel geistigen Raum, dass wir unser Leben bewusst erleben und gestalten können?
Die Antwort der Wohlfühlogie könnte lauten: Indem wir nicht versuchen, noch mehr in unseren Kopf hineinzubekommen, sondern bewusster entscheiden, was hinein darf.
Wohlfühlen bedeutet für mich auch, wieder Platz für mich selbst zu haben – inmitten einer Welt, die permanent um unsere Aufmerksamkeit ringt. Nicht indem wir unser Gehirn noch besser kontrollieren.
Sondern indem wir ihm Bedingungen geben, unter denen es gut arbeiten kann.
Dazu gehören für mich:
❖ Auswahl
Was lasse ich hinein?
❖ Aufmerksamkeit
Worauf richte ich meinen Fokus?
❖ Pausen
Wo muss ich nichts aufnehmen?
❖ Bewegung
Wie kommt mein Körper wieder ins Spiel?
❖ Natur
Wo darf mein Blick weit werden?
❖ Schlaf
Wo darf mein System regenerieren?
❖ Freude
Was interessiert und begeistert mich wirklich?
❖ Verbundenheit
Welche Menschen und Beziehungen nähren mich?
Gerade Verbundenheit gehört für mich ebenfalls zu einem guten Leben. Was Beziehungen, Gemeinschaft und soziale Verbundenheit mit unserem Wohlbefinden zu tun haben, habe ich einer ganzen Serie Verbundenheit als Gesundheitsfaktor gewidmet.
Sie starte mit dem Überblicksbeitrag: Was die Positive Psychologie über Freundschaft, Gemeinschaft & Lebenszeit weiß:
Diese Begriffe sind kein neues Maßnahmenprogramm. Es sind vielmehr verschiedene Räume, die miteinander verbunden sind und uns dabei helfen können, aus dem permanenten Reaktionsmodus herauszukommen.
Denn geistiger Freiraum entsteht nicht nur dadurch, dass wir weniger denken.
Er entsteht auch dadurch, dass wir bewusster auswählen, womit wir unseren Kopf, unseren Körper und unser Leben beschäftigen.
Und dann wird die Frage plötzlich größer als Konzentration.
Es geht um Selbstwahrnehmung, Klarheit und innere Verbundenheit.
Darum, wieder wahrzunehmen:
Was denke ich?
Was brauche ich?
Was ist mir wichtig?
Was tut mir gut?
Was möchte ich?
Und vielleicht die wichtigste Frage:
Was davon ist eigentlich meins und was ist nur Input von außen?
Denn in einer Welt, die ständig nach unserer Aufmerksamkeit hascht, wird bewusste Auswahl zu einer Form von Selbstfürsorge.
✔️ WOHLFÜHL-MARKER:
Du musst nicht alles aufnehmen, was dir begegnet.
Deine Aufmerksamkeit ist begrenzt. Deine Zeit ist begrenzt. Dein geistiger Raum ist kostbar.
Du darfst auswählen.
Was bekommt Raum in deinem Kopf?
Und was darf draußen bleiben?
Denn mehr Raum im Kopf bedeutet am Ende nicht, weniger vom Leben zu haben.
Es bedeutet, wieder mehr von dem wahrzunehmen, was wirklich deins ist.
Genau das ist auch die Idee hinter WOMO – Wellbeing Over Missing Out: Nicht ständig darauf zu schauen, was uns draußen entgeht, sondern bewusster wahrzunehmen, was wir stattdessen gewinnen, wenn wir unserem eigenen Wohlbefinden Raum geben. Hier geht’s zum Beitrag: Warum wir manchmal ein neues Wort brauchen, um etwas Wichtiges zu verstehen
Von ♡ zu ♡
Deine Tine Sonnengold

