Warum Reizüberflutung unser Gehirn überfordert – und wie wir wieder mehr Raum im Kopf schaffen

17 Minuten Lesezeit

Unser Gehirn kann nicht unbegrenzt viele Reize, Informationen und Aufmerksamkeitsanforderungen gleichzeitig verarbeiten. Ständige Unterbrechungen, Multitasking, digitale Informationsflut und fehlende Leerlaufzeiten können geistige Ressourcen binden und zu mentaler Überlastung beitragen. Reizüberflutung ist dabei individuell unterschiedlich und hängt nicht nur von der Menge der Reize ab, sondern auch von unserer jeweiligen Verarbeitungskapazität. Bewusste Aufmerksamkeit, kleine Pausen, Reizreduktion und Natur können helfen, wieder mehr geistigen Freiraum zu schaffen.

Der Beitrag gehört zum Themenbereich „Mentale Überlastung, Stressmanagement & Reizreduktion“. Dort geht es um die Frage, was ständige Reize, Informationen und Aufmerksamkeitsanforderungen mit unserem Gehirn machen können und warum unser innerer Spielraum in einer Welt, die ständig um unsere Aufmerksamkeit bittet, so leicht kleiner wird.

Unser Gehirn kann nicht alles gleichzeitig

Wenn du zu den Menschen gehörst die regelmäßig mit den Öffentlichen Verkehrsmittel fahren kennst du das Phänomen auf jeden Fall. Keiner guckt sich mehr an, fast alle starren auf ihr Smartphone und einige sind noch mit Kopfhörern völlig abgeschottet von der Außenwelt.

Was passiert eigentlich in unserem Gehirn, wenn aus jedem freien Moment sofort wieder ein neuer Reiz wird?

Unser Gehirn kann erstaunlich viel aufnehmen und verarbeiten. Aber seine Aufmerksamkeit ist nicht unbegrenzt. Es muss permanent auswählen, was gerade wichtig ist und worauf es seine Ressourcen richtet.

Multitasking: gleichzeitig oder nur schneller wechseln?

Wir lieben das Gefühl, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. E-Mails beantworten, während nebenbei ein Podcast läuft. Telefonieren und dabei noch schnell etwas nachschauen. Kochen und gleichzeitig Nachrichten lesen.
Multitasking
fühlt sich oft nach Effizienz an. Tatsächlich wechseln wir bei mehreren anspruchsvollen Aufgaben häufig zwischen verschiedenen Aufmerksamkeitszielen. Dieser Wechsel ist nicht kostenlos: Er kann unsere Leistung, Genauigkeit und Verarbeitung beeinträchtigen. Die Forschung ist da  ganz klar.

Das bedeutet allerdings nicht, dass wir niemals zwei Dinge gleichzeitig tun können. Ich versüße mir die für mich weniger spannende Tätigkeit des Bügelns mit einem interessantem Podcast, das funktioniert für mich wunderbar, denn die Tätigkeit des Bügelns ist weitgehend automatisiert und beansprucht andere Ressourcen als das bewusste Verarbeiten eines komplexen Gesprächs oder Textes.

Entscheidend ist also nicht nur, wie viele Dinge wir gleichzeitig tun – sondern wie viel Aufmerksamkeit sie jeweils verlangen.

Unser Gehirn kann nicht alles gleichzeitig bewusst verarbeiten. Und vielleicht überschätzen wir deshalb nicht unsere Leistungsfähigkeit – sondern unterschätzen, wie viel Raum unser Denken eigentlich braucht.

Denn Klarheit, Konzentration und Kreativität entstehen nicht durch immer mehr Input, sondern brauchen auch Freiraum. Genau darum geht es in diesem Beitrag:

Eine sehr gute Frage in diesem Zusammenhang könnte anstatt wie üblich:
Wie viel kann ich gleichzeitig schaffen?

Eher diese sein: Was passiert, wenn ich einer Sache wirklich meine Aufmerksamkeit schenke? Dazu komme ich später noch.

Reizüberflutung beginnt nicht erst bei Stress

Was ist Reizüberflutung überhaupt?

Unser Gehirn ist darauf eingerichtet, aus der Fülle unserer Umwelt auszuwählen. Es muss nicht jeden Ton, jedes Bild, jede Bewegung und jede Information gleich intensiv verarbeiten. Aufmerksamkeit funktioniert gerade deshalb, weil sie auswählt und priorisiert.

Schwierig wird es, wenn immer mehr Reize gleichzeitig um diese Aufmerksamkeit konkurrieren.

Ein Gespräch, während im Hintergrund der Fernseher läuft. Das Smartphone, das nebenbei aufleuchtet. E-Mails, die auf Antwort warten. Geräusche von draußen. Zeitdruck. Ein voller Kalender. Dazu die eigene Gedankenwelt.

Ein einzelner Reiz ist dabei noch keine Reizüberflutung. Entscheidend ist das Zusammenspiel.

Reizüberflutung beschreibt vereinfacht gesagt einen Zustand, in dem die Menge oder Dichte eingehender Reize und Aufmerksamkeitsanforderungen als zu viel erlebt wird und die Verarbeitung zunehmend anstrengend wird. Wie stark das empfunden wird, kann dabei von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation unterschiedlich sein. 

✔️ WOHLFÜHL-MARKER:
Reizüberflutung entsteht also nicht einfach durch „zu viele Reize“. Sie kann entstehen, wenn zu viele Reize zu schnell aufeinanderfolgen, ständig wechseln und kaum Zeit bleibt, das Erlebte zu verarbeiten.

Wie erkennst du eine Reizüberflutung bei dir?

Vielleicht kennst du das Gefühl: Eigentlich ist gar nichts Dramatisches passiert und trotzdem ist dein Kopf voll.

  • Du kannst dich schlechter auf eine Sache konzentrieren. 
  • Kleinigkeiten fühlen sich plötzlich störender an. 
  • Du springst gedanklich von einem Thema zum nächsten. 
  • Du bist geistig müde, obwohl du körperlich kaum etwas getan hast. 
  • Geräusche, Nachrichten oder Unterbrechungen gehen dir schneller auf die Nerven. 
  • Du hast das Gefühl, „Ich kann gerade nichts mehr aufnehmen.“ 
  • Du möchtest eigentlich Ruhe, greifst aber im nächsten Moment doch wieder zum Smartphone. 

Reizüberflutung sieht nicht bei jedem Menschen gleich aus.

Das ist wissenschaftlich wichtig, weil aktuelle Forschung tatsächlich zeigt, dass das subjektive Erleben von sensorischer Überlastung von individuellen Faktoren und der jeweiligen Situation abhängen kann. 

✔️ WOHLFÜHL-MARKER:
Reizreduktion ist keine Frage von richtig oder falsch. Sie ist eine Frage von Stimmigkeit.

Was dem einen Ruhe schenkt, kann den anderen langweilen. Was für die eine Person belebend ist, kann für die nächste bereits zu viel sein.

Deshalb geht es bei Reizreduktion nicht darum, die Welt möglichst reizarm zu machen. Es geht darum, die eigenen Reize besser wahrzunehmen und den persönlichen Spielraum ernst zu nehmen.

Die entscheidende Frage ist also nicht:
„Wie viel Reiz verträgt ein Mensch?“

Sondern: „Wie viel Reiz tut mir gerade gut?“

Dein Gehirn sagt dabei nicht unbedingt: „Ich bin gestresst.“

Es sagt eher: „Bitte gerade nichts Neues mehr.“ 

Wann wird aus vielen Reizen zu viel?

Es gibt keine magische Reiz-Grenze, ab der bei jedem Menschen automatisch Überforderung beginnt.

Ein voller Bahnhof kann für den einen völlig okay sein und für den anderen nach zehn Minuten zu viel. Dasselbe gilt für Großraumbüro, Bildschirmarbeit, Kinderlärm, Nachrichten oder Social Media. Entscheidend ist das Verhältnis zwischen dem, was gerade auf uns einwirkt, und dem, was unser Gehirn in dieser Situation verarbeiten und regulieren kann.

Reizüberflutung ist deshalb nicht nur eine Frage der Reizmenge. Sie ist auch eine Frage unserer verfügbaren Verarbeitungskapazität.

Wenn Aufmerksamkeit bereits gebunden ist, wenn wir müde sind, unter Zeitdruck stehen oder ständig zwischen Aufgaben wechseln, kann derselbe Reiz stärker ins Gewicht fallen als in einer ruhigen Situation.

Ein Geräusch, das uns morgens beim entspannten Kaffee kaum auffällt, kann nach einem Tag voller Gespräche, Nachrichten, Entscheidungen und Bildschirmarbeit plötzlich unerträglich wirken. Selbst eine Kirchenglocke oder Turmuhr kann für jemand der gerade sensibler ist nervig sein.

Nicht unbedingt, weil das Geräusch lauter geworden ist. Es ist eher so, das unser innerer Spielraum kleiner geworden.

Eine Besonderheit unserer heutigen Reizwelt liegt darin: Viele Informationen sind jederzeit verfügbar und oft nur einen Griff von uns entfernt.

Unser Smartphone muss dafür nicht einmal klingeln oder aufleuchten. Wir können jederzeit selbst nachsehen: Gibt es neue Nachrichten? Was gibt es bei Instagram? Ist etwas in den Nachrichten passiert? Hat jemand auf meinen Beitrag reagiert? Was gibt es bei YouTube, TikTok, WhatsApp oder in meinem Mail-Postfach?

Der nächste Reiz muss nicht mehr auf sich warten lassen. Wir können ihn jederzeit zu uns holen. Und genau das verändert unseren Umgang mit Aufmerksamkeit.


Die Welt will deine Aufmerksamkeit

Nicht alles, was verfügbar ist, muss auch unsere Aufmerksamkeit bekommen

Früher musste eine Information häufig auf uns warten, d.h. bis wir sie bekommen haben. Heute ist sie fast immer verfügbar.

Eine Nachricht. Eine E-Mail. Ein neuer Beitrag. Die Schlagzeilen des Tages. Ein Video. Ein Podcast. Ein Link. Ein weiterer Tab. Unser Smartphone macht all das jederzeit zugänglich.

Und genau darin liegt die Besonderheit: Wir müssen nicht mehr warten, bis etwas passiert. Wir können jederzeit nachsehen, was gerade passiert.

Das klingt zunächst nach Freiheit und Komfort und das ist es auch.

Gleichzeitig entsteht eine neue Form von Aufmerksamkeitsdruck: Die nächste Information ist nur einen Griff entfernt.

Die nächste Aufmerksamkeitsschleife ist nur einen Klick entfernt

Smartphone, Social Media, News, Werbung, Videos, E-Mails, Tabs und Empfehlungsalgorithmen haben eines gemeinsam: Sie bieten uns immer schon den nächsten möglichen Reiz an.

Ein kurzer Blick wird zum nächsten Blick.
Aus einer Nachricht wird ein Beitrag.
Aus einem Beitrag ein Video.
Aus einem Video eine Empfehlung.
Aus der Empfehlung der nächste Inhalt.

Nicht unbedingt die einzelne Information ist das Problem. Es ist die Kette.

Unser Gehirn bekommt immer wieder einen neuen Anlass, seine Aufmerksamkeit zu verschieben.

Es geht also nicht nur um die Menge an Informationen. Es geht auch um die ständige Einladung, sich dem nächsten Reiz zuzuwenden.

Unser Gehirn liebt Neues. Und manchmal geht es dabei gar nicht um eine konkrete Information. Es reicht schon das Gefühl, irgendwo könnte gerade etwas passieren, das ich verpasse.

Genau hier kommt FOMO – die Angst, etwas zu verpassen – ins Spiel. Unsere Aufmerksamkeit wandert nach draußen: Was gibt es Neues? Was passiert gerade? Was machen die anderen?

FOMO macht aus der ständigen Verfügbarkeit von Informationen eine innere Aufforderung: Schau lieber noch einmal nach. Hier geht es weniger um Technik als um die innere Haltung: Was passiert gerade irgendwo anders? Was könnte ich verpassen?

Wie FOMO und JOMO unser Wohlbefinden beeinflussen, habe ich bereits ausführlicher beschrieben:

Auch ohne Push-Nachrichten kann die Schleife entstehen

Und dafür muss das Smartphone nicht einmal ständig klingeln oder aufleuchten.

Auch wenn Push-Nachrichten ausgeschaltet sind, können wir selbst jederzeit nachsehen.

Gibt es eine neue Nachricht?
Was gibt es Neues bei den Nachrichten?
Hat jemand auf meinen Beitrag reagiert?
Was wird gerade empfohlen?
Was ist in der Welt passiert?

Die Reizschleife muss also nicht von außen gestartet werden. Wir können sie jederzeit selbst öffnen. Das ist ein entscheidender Unterschied zu vielen Reizen unserer unmittelbaren Umgebung: Ein Geräusch im Raum können wir nicht immer abstellen. Die digitale Informationswelt dagegen können wir in vielen Situationen aktiv betreten und jederzeit wieder verlassen. Wir müssen es nur wollen.

Die Frage ist deshalb weniger: Wie viel Digitalisierung ist zu viel?

Interessanter ist:

Wie oft gebe ich meiner Aufmerksamkeit einen neuen Anlass, weiterzuwandern?

Warum echte Pausen heute so schwer geworden sind

Eine Pause ist eigentlich ganz einfach: Für einen Moment nichts müssen.

Und trotzdem fällt uns genau das zunehmend schwer.

❖ Warten an der Bushaltestelle? Smartphone.

❖ Eine Bahnfahrt? Podcast.

❖ Ein Spaziergang? Musik oder Hörbuch.

❖ Kochen? Nebenbei noch ein Video oder wenigstens das Radio an.

❖ Selbst die fünf Minuten, in denen der Kaffee durchläuft, können wir inzwischen problemlos mit etwas Neuem füllen.

Das ist nicht grundsätzlich schlecht. Ein Podcast kann beim Bügeln Freude machen, Musik kann einen Spaziergang bereichern und ein Video kann genau die Information liefern, die wir gerade suchen.

Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob wir etwas bewusst wählen oder ob wir den freien Moment gar nicht mehr als frei wahrnehmen.

Denn eine Pause kann zwar zeitlich stattfinden, während unser Kopf gleichzeitig weiter Input verarbeitet.

Wir sitzen auf einer Bank und scrollen.

Wir warten auf den Zug und lesen Nachrichten.

Wir gehen spazieren und hören etwas.

Der Körper macht Pause – die Aufmerksamkeit bekommt trotzdem keine Pause.

Genau darum geht es auch in meinem Beitrag „Pause drücken – Warum uns Pausen heute so schwerfallen“. Er ist Teil des WOHLFÜHLOGIE ABC’s und dort geht es ausführlicher um die Frage, warum Nichtstun in unserem Alltag so ungewohnt geworden ist und warum eine Pause weit mehr sein kann als verlorene Zeit.

Leerlauf ist kein Stillstand

Dabei braucht unser Gehirn nicht nur Pausen von der Arbeit. Es braucht auch Momente, in denen nichts Neues passieren muss.

Ein bisschen Leerlauf. Einfach ein Moment, in dem die Aufmerksamkeit einmal nirgendwohin muss. Das kann sich zunächst erstaunlich unspektakulär anfühlen. Vielleicht sogar ein wenig langweilig und sogar ungewohnt.

Doch genau das ist der Punkt: Leerlauf ist kein Stillstand. Er schafft Raum.

Wenn nicht ständig ein neuer Reiz um unsere Aufmerksamkeit bittet, können Gedanken wandern. Eindrücke können sich setzen. Erlebtes kann sich miteinander verbinden. Und manchmal taucht eine Idee genau dann auf, wenn wir aufgehört haben, aktiv nach ihr zu suchen.

Langeweile ist kein Fehler im System

Wir müssen nicht jeden freien Moment interessant machen.

Nicht jeder Spaziergang braucht einen Podcast. Nicht jede Wartezeit braucht Unterhaltung. Nicht jede stille Minute muss produktiv werden.

➸ Vielleicht darf ein freier Moment einfach frei sein.

Langeweile ist nicht automatisch ein Zustand, den wir möglichst schnell beenden müssen. Sie kann auch ein Übergangsraum sein – zwischen einem Gedanken und dem nächsten, zwischen Input und Verarbeitung, zwischen Tun und Sein.

Meiner Meinung nach ist genau dieser kleine Freiraum etwas, das unserem Alltag zunehmend fehlt. Denn wenn wir jeden freien Moment sofort wieder mit Information, Unterhaltung oder Kommunikation füllen, bleibt kaum Gelegenheit, selbst zu entscheiden, wohin unsere Gedanken eigentlich gehen möchten.

Reizreduktion ist keine Weltflucht

Reizreduktion bedeutet nicht, weniger vom Leben mitzubekommen.

Es bedeutet, wieder mitzuentscheiden, was in den eigenen Kopf hinein darf.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Es geht nicht darum, das Smartphone zu verteufeln, Social Media abzuschaffen oder durch einen digitalen Rückzug ein möglichst reizarmes Leben zu führen.

Es geht um Auswahl.

Um kleine Unterbrechungen.

Um die Fähigkeit, nicht auf jeden angebotenen Reiz reagieren zu müssen.

Denn unsere heutige Welt hält unglaublich viel für uns bereit. Informationen, Menschen, Bilder, Musik, Nachrichten, Unterhaltung, Wissen. Das alles kann unser Leben bereichern.

Wohlfühlen entsteht deshalb nicht durch möglichst wenig Reiz. Es entsteht auch durch Stimmigkeit.

♡ Was möchte ich gerade aufnehmen?

♡ Was darf warten?

♡ Was tut mir gut?

♡ Und was braucht gerade einfach keinen Platz in meinem Kopf?

Damit verschiebt sich die Frage von „Wie bekomme ich weniger Reize?“ zu einer viel interessanteren Frage: „Worauf möchte ich meine Aufmerksamkeit richten?“

Und manchmal liegt die Reizreduktion nicht darin, weniger zu tun, sondern die Umgebung zu wechseln. Ein Wald ist kein leerer Raum. Auch dort gibt es Geräusche, Bewegungen, Farben, Gerüche und ständig etwas zu entdecken. Doch diese Reize unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von den schnellen, wechselnden Aufmerksamkeitsreizen unserer digitalen Welt.

Statt ständig nach dem nächsten Signal zu suchen, kann sich unsere Aufmerksamkeit in der Natur wieder stärker in die Umgebung hinein öffnen.

Natur kann dadurch zu einem Regulationsraum werden.

Warum Naturverbundenheit dabei weit mehr ist als ein schöner Spaziergang im Grünen, habe ich im Überblicksbeitrag ausführlicher beschrieben: „Naturverbundenheit verstehen: Warum Natur uns gut tut und was passiert, wenn wir sie verlieren“.

✔️ WOHLFÜHL-MARKER:
Die Natur fordert nichts von dir. Sie lädt dich ein, wieder wahrzunehmen, was bereits da ist.

Achtsamkeit: Wem gehört eigentlich deine Aufmerksamkeit?

Hier beginnt für mich die eigentliche Wohlfühlogie-Perspektive. Denn wir müssen nicht versuchen, die Welt leiser zu machen, damit wir uns wohlfühlen können.

Wir können lernen, bewusster wahrzunehmen, wohin unsere Aufmerksamkeit gerade geht. Achtsamkeit bedeutet dabei nicht, nichts mehr wahrzunehmen. Im Gegenteil.

Sie kann uns dabei unterstützen, überhaupt erst zu bemerken, was wir gerade wahrnehmen, worauf unsere Aufmerksamkeit gerichtet ist und ob wir ihr bewusst folgen möchten.

Ein Geräusch taucht auf.

Eine Nachricht erscheint.

Ein Gedanke kommt.

Der Impuls entsteht, schnell noch etwas nachzusehen.

Und zwischen Reiz und Reaktion kann ein kleiner Moment entstehen:

Ich bemerke es.

Ich muss ihm nicht automatisch folgen.

Das ist etwas anderes als Verzicht. Es ist bewusste Wahl.

Mehr dazu findest du in meinem  WOHLFÜHLOGIE- ABC-Beitrag: „Achtsamkeit – Warum dieser erste Schritt dein Wohlbefinden verändert“.

Mehr Raum im Kopf beginnt mit kleinen Unterbrechungen

Jetzt wird es ganz praktisch. Aber bitte nicht als neues Selbstoptimierungsprojekt. 

Du brauchst keinen perfekten digitalen Rückzug, keine radikale Reizdiät und auch kein neues 10-Punkte-Programm für ein besseres Gehirn.

Du kannst viel kleiner anfangen. Mit einem MENTAL-SNACK.

💭 MENTAL-SNACK: Ein Mental-Snack ist ein kleiner, wohltuender Moment, in dem dein Gehirn für einen Augenblick nichts Neues verarbeiten muss. Wie lange dieser Moment dauert, ist gar nicht entscheidend.

Es geht um die kleine Unterbrechung. Um einen Moment ohne nächsten Reiz. Ohne nächste Information. Ohne die innere Aufforderung: Und was kommt jetzt?

Du kannst ausprobieren:

♡ Kaffee trinken – ohne Smartphone

♡ spazieren gehen – ohne Podcast

♡ warten – ohne zu scrollen

♡ eine Strecke zurücklegen – ohne Audio

♡ essen – ohne Bildschirm

♡ für ein paar Minuten bewusst nichts tun

♡ Benachrichtigungen reduzieren

♡ einzelne Zeiten am Tag ohne neuen Input lassen

Und dann kommt der eigentlich interessante Teil: Beobachte, was passiert.

  • Wird es ruhiger?
  • Wird es zunächst sogar unruhiger?
  • Taucht ein Gedanke auf, für den vorher kein Platz war?
  • Wandert dein Blick plötzlich wieder durch den Raum?
  • Entdeckst du Geräusche, die vorher untergegangen sind?
  • Oder stellst du fest: Wow. Ich muss gar nicht ständig etwas aufnehmen.

Genau darum geht es bei diesen kleinen Experimenten.

Nicht darum, möglichst viele Reize aus deinem Leben zu verbannen.

Sondern darum, wieder zu erleben, dass du nicht jedem Reiz folgen musst.

❖ Du darfst auswählen.

❖ Du darfst unterbrechen.

❖ Du darfst einen freien Moment frei lassen.

❖ Und du darfst herausfinden, welche Form von Reizreduktion für dich überhaupt wohltuend ist.

Denn Wohlfühlen funktioniert nicht nach dem Prinzip:

„Das ist gut für alle – also mache ich das jetzt auch.“

Es beginnt viel eher mit Wahrnehmung: Was tut mir gerade gut?

♡ Vielleicht ist es die stille Tasse Kaffee.

♡ Vielleicht der Spaziergang ohne Begleitung aus den Kopfhörern.

♡ Vielleicht fünf Minuten am offenen Fenster, einfach nur atmen.

♡ Vielleicht eine Zugfahrt, bei der du nur rausschaust.

♡ Vielleicht auch nur der Entschluss, das Smartphone nicht automatisch in die Hand zu nehmen, sobald eine kleine Lücke entsteht.

Ein kleines Wohlfühl-Experiment für mehr geistigen Freiraum:

Such dir eine einzige Situation aus, die du normalerweise sofort mit Input füllst.

Und lass sie einmal frei.

Nicht für immer.

Nur heute.

Schau, was daraus entsteht.

Denn ein leerer Moment ist kein verlorener Moment.

Er kann genau der Raum sein, den dein Gehirn gebraucht hat, um wieder zu sortieren, wahrzunehmen, zu verbinden oder einfach einmal nichts zu müssen.

✔️ WOHLFÜHL-MARKER:
Reizreduktion muss kein Verzicht sein.
Sie kann eine Einladung sein, wieder zu spüren, was dir guttut.

Aufmerksamkeit ist Lebenszeit

Aus Sicht der Positiven Psychologie wird damit eine weitere Frage interessant:

Was passiert mit unserem Wohlbefinden, wenn wir einer Sache wirklich unsere Aufmerksamkeit schenken?

Denn Aufmerksamkeit ist nicht nur eine kognitive Ressource.

Sie entscheidet auch darüber, wie wir einen Moment erleben.

♡ Wenn ich mit einem Menschen spreche und gleichzeitig auf mein Smartphone schaue, bin ich körperlich zwar anwesend – meine Aufmerksamkeit ist es nicht vollständig.

♡ Wenn ich durch den Wald gehe und nicht gleichzeitig drei andere Informationsquellen verarbeite, kann ich den Wind, die Geräusche, Gerüche und Bewegungen um mich herum ganz anders wahrnehmen.

♡ Und wenn ich mich einer Tätigkeit mit voller Aufmerksamkeit widme, kann daraus sogar Flow entstehen: ein Zustand, in dem wir ganz in einer Tätigkeit aufgehen und das Gefühl für die Zeit zeitweise in den Hintergrund tritt.

Es geht deshalb gar nicht darum, weniger zu erleben.

Es geht darum, wieder mehr von dem zu erleben, dem wir unsere Aufmerksamkeit schenken. Denn Aufmerksamkeit ist begrenzt. Aber sie ist auch eine Form von Lebenszeit.

Wohin sie geht, dort erleben wir unser Leben.


Von ♡ zu ♡
Deine Tine Sonnengold

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